Klammergriff

Du redest 
die ganze Zeit 
vom Dialog.
Doch in Wahrheit 
führen wir gefühlt
schon seit Tagen 
einen wechselseitigen Monolog.
Ach, 
wie gerne 
hielt ich früher 
deine Hand, 
wo ist sie hin,
die alles umfassende Nähe,
die uns selbst
über hunderte Kilometer
hinweg verband. 
Ist jetzt also Schluss 
und widerlegt unser
Minus mal Minus 
ergibt Plus. 
Bis zu diesem Tag 
hieß es noch,
das kriegen wir
schon irgendwie hin, 
ein Drittel Heizöl
zwei Drittel Benzin. 
Und jetzt, ja jetzt 
ich wieder zurück 
nach Frankfurt 
und du bleibst hier
in Berlin.
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Let It Be

Viele Jahre lang, 
wenn nicht sogar
mein ganzes Leben,
bin ich 
immer dann,
weggerannt, 
wenn ich spürte,
dass mir jemand 
wirklich nahe kam
und ich kurz davor,
den Tarnumhang abzulegen. 
Weil es eben
vermeintlich 
viel leichter ist, 
wenn man immer wieder
vergisst 
und weg ist, 
bevor man sich 
zu nahe kommt 
und am Ende 
den anderen 
noch vermisst. 
Aber vielleicht 
ist es eben 
auch gerade das,
was am Ende wichtig ist
und unsere Welt 
im innersten zusammenhält,
wenn da jemand ist, 
der auch dann noch 
für uns da ist,
wenn um uns herum 
alles in sich 
zusammenfällt. 
Und mal von dem 
Beispiel abgesehen,
dass wir auf den Bahngleisen stehen, 
ist es wohl besser, 
auf den anderen zu zugehen,
um die Nähe zu zulassen 
anstatt sich wegzudrehen
um auf Nummer Sicher zu gehen 
und es zu lassen.

Wiedersehen

Als ich dich 
an diesem Tag,
der bis dahin 
allzu gewöhnlich 
und somit, 
wie eine Blaupause 
der vorigen Tage war,
plötzlich aus dem 
Kaffeehaus kommen sah, 
wusste ich 
nicht viel 
und noch viel weniger, 
wie mir geschah. 
Und auch,
wenn ich dich 
nicht aus nächster Nähe, 
sondern 
von der anderen Seite sah,
fühlt ich mich 
dir sogleich
unfassbar nah. 
Es war ja nicht so,
als hätte ich zuvor
nicht an dich gedacht, 
doch solange du weg
und für mich 
nicht sichtbar warst,
hat es mir,
wohl auch,
weil ich 
Weltmeister im verdrängen war,
mit jedem Tag 
ein bisschen weniger ausgemacht.  
Zumindest hatte ich 
mir das 
so gedacht, 
aber in Wahrheit,
hatte ich mir wohl 
die ganze Zeit 
vielleicht auch 
aus Selbstschutz 
nur etwas vorgemacht. 
Und bevor 
ich auch nur 
den Gedanken fassen konnte,
dir hinterher 
zu gehen, 
warst du verschwunden 
und seitdem 
nicht wiedergesehen.

Feelings aus der Asche

Die leeren Pizzakartons 
türmen sich an der Wand, 
reichen den stehengelassenen 
Weinflaschen und  
Kaffeetassen die Hand. 

Ich sitze auf dem unbequemen 
Plastiksessel von Ikea, 
weil das der einzige Platz
ist, der noch halbwegs frei ist,
davor hab ich die zuvor mit Zeitungen 
vollgestapelte Orangekiste umgedreht,
die so auch erst mal ganz gut 
als Tisch durchgeht.

Darauf liegt ausnahmsweise nichts,
außer weißes Papier,
ich halte den Stift in der linken
und eine Kippe in der anderen Hand. 

Weiß schon gar nicht mehr, 
wann es angefangen hat aufzuhören,
mit dir und danach auch mit mir.  

Weiß noch, wie du 
immer sagtest;
das Glas ist halbvoll 
und nicht halbleer. 
Doch, 
anstatt, dass du gegangen
bist, kamst du einfach 
nicht mehr her. 

Oder war ich es,
der ging, weil ich mehr 
an der Freiheit, 
als an dir hing. 

Ich will nur, 
dass du weißt,
dass ich weiß 
was ich will.

Bringe diesen Satz 
nun schon zum wiederholten
mal zu Papier und hoffe,
dass ich ihn irgendwann 
selbst glauben werde. 

Ich nehme einen Schluck
Instant Kaffee, 
er ist kalt.

Instant Kaffee 
Instant Life. 

Bevor die Glut
gleich wieder zu Boden
und zur übrigen Asche fällt,
zerfällt, schnippe ich sie 
in den Kaffeebecher 

Und als es dann leise zischt, 
frage ich mich, 
ob es das jetzt war, 
dieses Licht, 
welches angeblich 
niemals erlischt. 

This House Is Not A Home

Es fühlt sich so an,
als säßen wir mitten im
gleißenden Sonnenlicht,
Keine Sonnenbrille zur Hand
und kein Schatten in Sicht. 

Dir steht die Überzeugung 
ins Gesicht geschrieben.
Du hast mich rechts überholt,
doch ich bin dabei 
irgendwie auf halber Strecke 
liegen geblieben. 

Du solltest doch 
zumindest ansatzweise spüren, 
dass ich mich fühle,
wie der letzte große Wal,
der versucht verzweifelt
aufzutauchen um ein wenig
Luft zu holen,
aber weit gefehlt, 
du denkst gar nicht daran,
also halte ich weiter aus 
und die Luft an.  

Du deutest mit 
mit dem Zeigefinger auf mich 
und sagst so Dinge, wie:
Die Finanzierung steht,
mit dem Auto sind wir 
in maximal zwanzig Minuten
in der Stadt,
und eine steinerne Buddha 
Figur würde die Gartenlounge
noch gemütlicher machen.  

Ich sehe, 
wie deine Lippen Worte formen,
doch es hört sich so an,
als kämen sie in einer mir
fremden Sprache bei mir an. 
Alles fühlt sich fremd an.

Lost in Translation. 

Und ich denke daran, 
was Benjamin Griffey sang;
"Trotz gut angefangenem Bau
Machen vier Wände lange kein
Haus (Schatz, Nein)".
Für diese Erkenntnis gebührt
ihm mehr als nur Applaus.
 
Du blickst nach draußen
auf die Einfahrt 
und sagst: 
Denk daran, 
Morgen kommt der Kies.
Und ich frage mich nur,
wann uns der letzte
Berührungspunkt verließ.

mucksmäuschenstill

Sag jetzt nichts
haucht sie mir ins Ohr. 
Und auch wenn,
es mir in diesem Moment 
wirklich schwer fällt, 
nicke ich ihr
schweigend zu.

Stille. 
Wie im Winter, 
wenn der erste Schnee fällt
und es sich so anfühlt, 
als ob die ganze sonst
immerzu pulsierende Welt,
für einen Moment 
die Luft anhält. 


Mir ist kalt. 
Aus schweigen wird weinen. 
Halt mich einfach fest
sagt sie jetzt,
was ich auch tue. 
Gemeinsam zittern
wir uns warm.

Bitte bleib nicht,
wenn du gehst.  
Höre ich sie noch sagen,
wie das gehen soll...
wagte ich nicht mehr 
zu fragen. 

Du brauchst Personal!

 

Ich sitze in der Küche auf dem alten 
Dielenboden, der bei jeder Bewegung
knarrt. Dieses typische Altbau Geräusch 
erinnert mich an die Kindheit. 

Warum ich auf dem Boden sitze?
Der Küchentisch ist gerade unpässlich,
was viel besser klingt als überfüllt. 

Bleistift und Papier in der Hand,
also bestens vorbereitet, 
jetzt fehlt mir nur noch der eine Satz. 
Habe ich mir nämlich fest vorgenommen;
jeden Tag mindestens einen guten Satz.
Was nützen all die schönen Sätze
in Gedanken, wenn ich sie nie ausschreibe. 

Am Notebook funktioniert das (heute) nicht,
da kommt mir immer wieder Netflix in die Quere
und eben all die anderen vermeintlich geistreichen
Verlockungen in den unendlichen weiten des Internets. 

Das iPhone habe ich auch schon 
ausgemacht und im Schrank versteckt. 
Wo genau? Am besten sehe ich gleich nochmal 
nach...Nein! 
Will ja schließlich heute noch etwas 
zu Papier bringen.
Und bin ja im Grunde auch schon kurz davor. 
Gleich wird mich nichts mehr aufhalten, 
dann sprudeln die Wörter nur so aus mir heraus, 
wie versteckte Wasserquellen in Manhattan. 
Nur gut, dass ich gerade netzlos bin, 
sonst würde ich wohl genau jetzt 
Woody Allen googeln. 
Gerade will ich den Stift ansetzten...
da geht die Tür auf und Thomas kommt herein. 

Thomas: Was um alles in der Welt ist hier passiert? 
Ich: Hier wird Kunst geschaffen. 
Thomas: Ich sehe nicht, außer zahlloser weißer Blätter 
und überhaupt einem riesen Haufen Chaos.
Ich: Und aus dem Chaos entsteht Kunst. 
Thomas: Wenn du meinst...und was haben die ganzen 
Kaffeetassen und vor allem leeren
die Weinflaschen damit zu schaffen?
Ich: Das hättest du mal Bukowski fragen sollen! 
Thomas: Du bist aber nicht Bukowski und es 
wäre auch nicht wünschenswert, dass du so wirst wie er.
Ich: Warum denn nicht? 
Thomas: Weil er tot ist. 
Ich: Gutes Argument. Aber er war auch 74 Jahre alt, als
er das zeitliche segnete. Also mehr doppelt so alt wie ich. 
Und bei ihm standen gewiss mehr als "ein paar" leere
Weinflaschen im Raum. 
Thomas: Der hatte aber bestimmt auch Personal. 
Ich: Personal?! 
Thomas: Ja, du brauchst Personal! 
Während er das sagt, bewegt er seinen Kopf hin und her,
so als würde er ein Tennismatch verfolgen. 
Ich drehe mir derweil erst einmal eine Zigarette,
dabei folge ich seinen Blicken und frage mich,
wer zum Teufel all diese Sachen hier abgestellt hat. 
Am meisten wundere ich mich über zwei schwarze Socken,
eine liegt auf dem Tisch und eine auf der Anrichte.
Seltsam, seltsam...
Ich werfe die halb gerauchte Zigarette 
gedankenverloren in eine 
der herumstehenden Kaffeetassen.
Vergeblich warte ich auf den sonst 
so vertrauten Zischlaut. Tom zieht 
eine Augenbraue hoch und runzelt die Stirn,
dann setzt er erneut an: 

Schlimm genug, dass du die Kaffeetassen als 
Ascher nutzt, aber noch erbärmlicher ist,
dass sie wohl schon so lange hier rumstehen,
dass selbst der Kaffeesatz vertrocknet ist. 

Bei dem Wort Kaffeesatz fällt mir wieder ein,
was ich eigentlich vorhatte...

Ich werde mich später darum kümmern...
Jetzt muss ich erst einmal den einen 
guten Satz schreiben, aber ich komme 
ja hier zu nichts, wenn ich ständig
abgelenkt werde.